Schnell Schach lernen: Zum 1500er Rating mit “Ultralearning”?

Update 25.3.21: Fortschritt stagniert. Erfahre, was ich dagegen tue.

“Spielst du Schach?” Fragte mich ein Kollege letztes Jahr. 

“Also ich weiß ungefähr, wie die Figuren ziehen. Das war’s.” antwortete ich. 

Es stellte sich heraus, dass er seit über 15 Jahren spielt und als Kind sogar deutscher Meister war. Ich probierte gar nicht erst, gegen ihn zu spielen.

Vor ein paar Wochen haben wir dann gegeneinander gespielt. Ich war hochkonzentriert und erwartete, aus meinem garantierten Verlust lernen zu können. 

Doch das Ergebnis überraschte mich. Ich gewann die erste Partie! Inzwischen spielen wir regelmäßig. Und auch wenn mein Kollege mich 70-80% der Zeit schlägt, freue ich mich über meinen Fortschritt. Das zeigt mir, wie gut meine Lernstrategien funktionieren. 

Denn Anfang 2021 habe ich mir das Ziel gesetzt, Schach zu lernen. Ich bin vollkommen eingetaucht und habe meinen Fortschritt mit “Ultralearning” beschleunigt. 

Diese Lernstrategien teile ich in diesem Artikel mit dir. Die kannst du nutzen, um selbst schnell Schach zu lernen—oder deinen Fortschritt in einem anderen Bereich zu beschleunigen. Denn beschleunigtes Lernen basiert auf Prinzipien, mit denen du deinen Fortschritt in allen Bereichen beschleunigen kannst. 

Warum ist Schach lernen wichtig?

Mir bringen das Spiel und der Lernprozess Spaß. Doch ich lerne Schach nicht nur, weil ich gerne gut darin werden möchte: Meiner Meinung nach wird die Fähigkeit, schnell neue Fähigkeiten zu lernen, in unserer Gesellschaft immer wichtiger. 

Früher konnte man nach Ausbildung/Studium einen Job finden, den man sein Leben lang ausführen konnte, ohne viel dazuzulernen. Heute wird das immer schwieriger: Jobs werden automatisiert. Menschen erwarten mehr als Beschäftigung und ein Gehalt von ihrer Arbeit. Außerdem haben wir Zugang zum gesamten Wissen der Menschheit und sind nicht davon abhängig, welche Bildungsmöglichkeiten wo angeboten werden.

Wer schnell neue Fähigkeiten erlernen kann, findet überall einen Job und kann so seine Karriere beschleunigen. Deswegen sehe ich Schach nicht nur als spaßiges Lernprojekt, sondern als Case Study für beschleunigtes Lernen, die mir in allen Bereichen meines Lebens hilft.

Ich basiere meinen Schnelllern-Ansatz auf “Ultralearning”:

Ultralearning – die 9 Prinzipien effektiven Lernens

“Ultralearning” ist eins meiner Lieblingsbücher. Autor Scott Young weiß ein paar Dinge über schnelles lernen—denn er hat MITs weltberühmten Informatikstudiengang absolviert. Und zwar in einem Jahr (Regelstudienzeit 4 Jahre). Und ohne jemals die Uni zu betreten.

In Ultralearning beschreibt er die 9 Prinzipien schnellen Lernens und untermauert sie mit konkreten Beispielen. In diesem Artikel erkläre ich alle Prinzipien kurz und zeige dir, wie ich sie aufs Schachspielen anwende. Falls du selbst auch Schach lernen möchtest, kannst du die Ressourcen und Strategien direkt nutzen. Falls du eine andere Fähigkeit erlernen möchtest, gebe ich auch Beispiele für andere Anwendungsbereiche. 

Aber gut, lass uns loslegen:

Lernprinzip 1: Metalernen

Das erste Prinzip ist “Metalearning”. Dabei erkundest du das Thema und verschaffst dir einen Überblick, was du überhaupt lernen musst. 

Für mein Schachprojekt waren zwei Schritte wichtig: 

1. Zielsetzung

Wie du siehst, habe ich ein klares Ziel: Eine 1500er Wertung auf Chess.com in der 10 Minuten Schnellschach-Kategorie. So ein Ziel ermöglicht effektives Lernen. Ohne Ziellinie kennen wir den Weg dahin nicht.

Denn sobald du ein Ziel hast, kannst du den Weg dorthin in Etappen einteilen. Aus dem langfristigen Ziel ergeben sich konkrete Umsetzungsschritte.

Im Schach stellte ich mir direkt die Frage Was muss ein 1500 gewerteter Spieler können? Diese Fähigkeiten kann ich dann aufteilen und nach Bedarf priorisieren.

Das ist der nächste Schritt: 

Aufteilung

Im nächsten “Metalearning”-Schritt demonstrierst du die Fähigkeit, die du lernen möchtest. Denn jede Fähigkeit besteht aus verschiedenen Unterfähigkeiten. 

Im Schach sind dabei für Anfänger besonders folgende Dinge wichtig: 

  • Eröffnung
  • Mittelspiel
  • Endspiel
  • Taktiken
  • Strategie

Jeder Punkt oben hat auch wieder eigene Unterbereiche. So gibt’s offensive Taktiken und defensive Taktiken. Unter den offensiven Taktiken gibt’s dann Opfer, Täusche, Röntgenangriffe, entdeckte Angriffe usw. 

Du musst nicht vorab jedes Detail aufschreiben. Aber wichtig ist: Behalte einen Überblick über die Bestandteile der Fähigkeit, die du lernen willst.

Wie du Unterbereiche angehst, erfährst du in der Praxis. 

(Ein Hinweis hierzu: Im Schach sind Taktiken, Strategie, Eröffnung usw. wie Muskeln, die zusammenspielen. Dadurch gibt es keine in Stein gemeißelte Reihenfolge, in der man sie lernen muss. Andere Projekte erfordern einen strikten Ablauf. Du kannst z.B. kein Buch schreiben, ohne vorher zu recherchieren.)

Das war Ultralearning Prinzip 1: Metalernen. Die zwei Schritte sind: 

  1. Setze dir ein eindeutiges Ziel.
  2. Identifiziere die Bestandteile des Projekts.

So viel zur Planung – doch wie lernt man effektiv? Eine der wichtigsten Komponenten ist Fokus.

Lernprinzip 2: Fokus

Zum Anfang meines Schachprojekts spielte ich möglichst viel. Dadurch saß ich ständig vor einem Bildschirm und spielte online. Meist war ich nicht aufs Spiel konzentriert, sondern checkte nebenbei Mails, scrollte durch LinkedIn oder aß. 

Das Ergebnis? Ich spielte viele Partien, wurde aber nicht besser. Denn meine Wertung stieg kaum an. 

Das zweite Ultralearning Prinzip ist Fokus. Konzentriere dich vollständig auf dein Lernprojekt, wenn du daran arbeitest. 

Warum ist das wichtig? Wegen einem psychologischen Konzept namens “Switching Costs”. Wenn wir zwischen Aufgaben wechseln, sind wir abgelenkt.

Das schadet der Performance, gerade bei komplizierten Aufgaben wie Schachspielen. 

Seit der Erfahrung spiele ich statt 15 Spielen am Tag zwei bis drei Partien, bei denen ich 100%ig konzentriert bin. Seitdem stieg meine Gewinnrate auf über 50%: 

Fokus ist überall wichtig. Wenn du während dem Programmieren Podcasts hörst, programmierst du wahrscheinlich schlechter. Und Fernsehen beim Zeichnen macht deine Bilder nicht schöner.

Aber du kannst auch konzentriert stundenlang YouTube Videos gucken. Dadurch lernst du aber wenig. Wenn du eine Fähigkeit erlernen möchtest, musst du machen.

Darum geht’s im dritten Ultralearning Prinzip:

Lernprinzip 3: Direktheit

Auf YouTube, Twitch, Instagram usw. gibt’s nützlichen Schach-Content. Oft kommt der von Meister-Spielern, die es echt drauf haben.

Aber während man sich nach einem YouTube Video klüger fühlt, macht man keine echten Fortschritte. 

Das ist das dritte von Scott Youngs Lernprinzipien: Du lernst durch Interaktion mit der Materie, nicht durch passiven Konsum.

Wenn du Russisch lernen möchtest, musst du Russisch sprechen. Es ist verlockend, beim Einkaufen einen Russisch-Podcast zu hören. Genauso wie es verlockend ist, statt einer Partie Schach ein YouTube Video zu gucken. 

Diese Verlockung kommt daher, dass man beim Konsum nicht verlieren kann. Wenn du mit einem Muttersprachler Russisch sprichst, kannst du dich blamieren. Wenn du eine Partie Schach spielst, kannst du verlieren. 

Videos, Bücher und Podcasts haben solche Konsequenzen nicht—und spiegeln nicht wieder, wie viel wir wirklich gelernt haben. Doch unser Gehirn lernt u.a. durch Konsequenzen: 

  • Was belohnt wird, wiederholen wir.
  • Was bestraft wird, lass wir in Zukunft.

Ohne Konsequenzen ist Lernen unglaublich schwer.

Du wirst besser in dem, was du wiederholt tust, weil du Fehler ausmerzt und erfolgreiche Muster wiederholst. 

Genauso läuft’s auch beim Schach. Ich lerne hauptsächlich durch drei Dinge: 

  • Schachpartien gegen andere Leute
  • Eröffnungs-Training
  • Taktikpuzzles

Bei allen muss ich direkt Figuren bewegen und die richtige Antwort auf gegnerische Züge finden. Das ist pure Direktheit: Ich tue das, was ich lernen möchte: Gute Schachzüge machen.

Während Direktheit wichtig ist, ist “blind drauf los” keine gute Strategie. Meine 15 Spiele am Tag haben mich nicht weitergebracht, weil mir ein Lernprinzip fehlte: Übung.

Lernprinzip 4: Übung

Usain Bolt ist der beste 100m-Sprinter der Welt. Dafür muss er viel trainieren. Wenn Direktheit alles wäre, würde er jeden Tag 100m Sprints hinlegen. Tut er aber nicht.

Stattdessen macht er Krafttraining, längere Läufe, Intervalltrainings, usw. 

Denn diese Aktivitäten trainieren die Bestandteile des 100m-Sprints. 

Genauso lernt man Schach. Den Großteil meiner Schach-Zeit verbringe ich mit Training. Dabei trainiere ich einzelne Bestandteile einer Schachpartie:

Schach-Eröffnungen trainieren mit Chessable

Würde ich den ganzen Tag nur gegen andere Leute spielen, würde ich nicht vorankommen, wenn die Eröffnung eine meiner Schwachstellen ist. Denn jedes Spiel hat nur eine Eröffnung. 

Stattdessen mache ich Schach Eröffnungs-Kurse auf Chessable. Dabei bekommt man nicht nur einen Haufen Video zum passiven Konsum. Chessable hat eine Software, die Züge zeigt und erklärt. Danach spielt man die Züge direkt nach. Die Software merkt sich dabei, welche Züge man drauf hat und wo man Fehler macht. Im Lernmodus kommen immer erst Züge dran, bei denen man bisher viel falsch gemacht hat.

So trainiere ich meine Schach-Eröffnungen, ohne Wertungspunkte zu riskieren. 

Aber die Eröffnung ist nicht alles. Wie lernt man fürs Mittelspiel? 

Schach-Taktiken meistern mit Taktikpuzzles

Taktikpuzzles sind eine der wichtigsten Trainingsmethoden. Das Konzept ist simpel: Du bekommst eine Stellung und musst den besten Zug (oder eine Abfolge von Zügen) finden.

Puzzles simulieren häufige Situationen (im Beispiel oben das “erstickte Schachmatt”). Dadurch bringen sie mir bei, in echten Partien gute Züge zu finden. 

Ich nutze die Puzzle-Funktion auf Chess.com. Allerdings gibt’s viele weitere Websites, die Puzzles anbieten. 

Das sind meine wichtigsten Trainingsmethoden. Mit Schach als Lernprojekt habe ich Glück, dass es viele erwiesenen Übungen gibt. 

Allerdings ist diese Lernstrategie deutlich schwieriger, wenn man ein “freieres” Thema wählt. Wenn du beispielsweise Zeichnen lernen möchtest, bringt Malen nach Zahlen dich nicht voran. Hier musst du selbst erfinderisch werden, um die Teilbereiche deines Ziels zu erreichen.

Aber alle Übung bringt nichts, wenn wir das Ganze nicht anwenden.

Lernprinzip 5: Abruf

Everybody has a plan until they get punched in the mouth.

Mike Tyson

Übung bringt dich nur voran, wenn das Gelernte auf dein Ziel einzahlt. Ein Eröffnungskurs im Schach bringt wenig, wenn du die Eröffnung nie spielst.

In anderen Worten: Wenn du Informationen abspeicherst, ohne sie abzurufen, lernst du nicht.

Dieses Lernprinzip ist im Schach fast automatisch eingebaut, da jede Partie in der gleichen Umgebung stattfindet wie das Lernen selbst (dem Schachbrett). Außerdem ist jedes Schachspiel anders. Dadurch wirst du mit unterschiedlichen Variationen und Situationen konfrontiert, in denen du dein Wissen abrufen musst (oder Wissenslücken aufspürst).

Wenn du als Anfänger schnell Schach lernen möchtest, musst du für das Lernprinzip “Abruf” keine Extra-Maßnahme treffen.

Gerade beim Sprachen lernen ist Abruf wichtig. Wenn du Spanisch lernst, musst du nicht nur wissen, dass “Baum” auf Spanisch “árbol” heißt. Du musst dich daran erinnern, wenn du das Wort verwenden möchtest.

Das nächste Lernprinzip ist das schmerzhafteste.

Lernprinzip 6: Feedback

Für effektives Lernen braucht man klares Feedback. Beim Schach ist das relativ einfach: 

Gewinnen oder verlieren.

Doch gutes Spielen wird nicht immer belohnt – und schlechtes Spielen nicht immer bestraft. 

Manchmal hat man Glück: Nach einem schlechten Zug sieht der Gegner nicht, dass er einen hängenden Läufer gewinnen könnte. Und manchmal hat man Pech, wenn ein Gegner den Konter auf unsere Eröffnung kennt.

Deswegen brauchen Schachspieler detaillierteres Feedback. Ich nutze dafür nutze ich 3 Methoden: 

Finde und verbessere Fehler mit Spielanalysen

Jede gängige Schach-Website bietet Spielanalysen. Dabei ermittelt ein Schachcomputer, wer wann im Vorteil war und wie sich welcher Zug darauf ausgewirkt hat.

So findet man Fehler, die nicht bestraft wurden und kann sie verbessern. Gerade nach Niederlagen sollte man seine Fehler analysieren. Auf Chess.com, wo ich spiele, muss man für unbegrenzte Analysen eine Premium-Mitgliedschaft abschließen (ca. 30€ im Jahr). Gratis-Mitglieder erhalten eine Analyse pro Tag. 

Tiefe Reports und personalisiertes Training mit Aimchess

Aimchess ist eine meiner “Geheimwaffen”, um besser zu werden. Das Prinzip ist einfach: 

Du gibst deinen Nutzernamen auf Chess.com oder Lichess ein. Eine KI analysiert deine Spiele und ermittelt Stärken und Schwächen. Daraufhin erhältst du einen detaillierten Bericht: 

Zu jedem Aspekt gibt’s noch mehr Infos: 

Wie du siehst, gibt’s einen “Get Personalized Lessons” Knopf. Denn Aimchess erstellt nicht nur Berichte, sondern bietet direkt Übungen, die deine Schwächen ausbessern. 

Dadurch arbeitest du an deinen Baustellen, anstatt das zu wiederholen, was du schon kannst.

Ich bin ein großer Fan von Aimchess. Die Premium-Variante ist mit 6$ monatlich günstig. Doch auch die kostenlose Version ist großartig.

Zusammengefasst: Aimchess gibt dir detailliertes Feedback und koppelt es an Lektionen, die deine Schwächen ausbessern.

Doch der dritte Feedback-Mechanismus ist wahrscheinlich der effektivste: 

Hol dir nen Coach!

Jeden Donnerstag um 11 Uhr habe ich Schachtraining. Dabei treffe ich mich mit meiner Trainerinin einem Zoom Call. Wir analysieren meine Spiele, üben Endspiele und lösen Puzzles. Dabei erklärt sie mir die Prinzipien hinter guten Zügen und zeigt mir, was ich besser machen kann. 

Input und Feedback sind toll, doch regelmäßiges Training führt auch zu einem gesunden Druck – ich muss mich für meine Spiele gegenüber jemand anders verantworten.

Schach ist sehr objektiv. Man hat alle möglichen Kennzahlen, von der Wertung über die Gewinnrate bis hin zu detaillierten Statistiken á la Aimchess.

Wie funktioniert Feedback bei freieren Lernprojekten?

Wer ein Buch schreibt, kann keinen KI-Report erstellen, der Verb-, Adjektiv- und Kommanutzung analysiert und in Stärken und Schwächen aufteilt. 

Doch auch angehende Autoren lernen durch Feedback schneller. Du könntest Auszüge aus deinem Buch auf deinem Blog posten und schauen, was besonders gut ankommt. 

Das nächste Lernprinzip ist ähnlich wie Lernprinzip 4 (Abruf), möchte ich aber trotzdem eben erwähnen.

Lernprinzip 7: Abspeichern

Lernen bringt nichts, wenn du das Gelernte wieder vergisst. Das wissen die Meisten. Du wirst kein Schachspiel gewinnen, wenn du dir die Züge aus dem Eröffnungskurs nicht einprägst.

Zum Glück wissen das auch führende Plattformen: Chessable und Chess.com bieten eine Funktion, Gelerntes zu wiederholen. Wenn du diese nutzt, hast du Lernprinzip 7 ohne viel Arbeit umgesetzt.

Hierzu gibt’s im Schach-Bereich nicht viel mehr zu sagen. Falls du etwas anderes “ultralearnen” willst, empfehle ich einen Klassiker: 

Vergiss’ vergessen mit klugen Karteikarten

Viele Lerner setzen Karteikarten ein. Für meine Karteikarten nutze ich RemNote. RemNote ist eine mächtige Notiz-Software, mit der du in wenigen Klicks aus Notizen Karteikarten machst. 

Diese Karteikarten werden dann über Spaced Repetition ausgespielt (Spaced Repetition ist ein System, das Wissen verlässlich ins Langzeitgedächtnis überträgt).

Doch nicht alles Wissen lässt sich auf Karteikarten einfangen. Lernprinzip 8 beschreibt das Gegenteil: 

Lernprinzip 8: Entwickle Intuition

Gute Schachspieler finden bessere Züge in 1-minütigen Spielen als Anfänger in 10-minütigen Partien. Sie können nicht unbedingt schneller denken. Sie haben bessere Intuition. 

Wenn man gut in etwas ist, hat man “ein Gefühl dafür”. Im Schach merke ich immer öfter, dass spüre, wie sich eine Situation “anfühlt”. 

Das zeigt, dass man vorankommt. Man erkennt Muster und hat eine passende Reaktion darauf.

Doch Intuition kann gefährlich sein: Wer nicht mehr nachdenkt, macht keinen Fortschritt mehr. Selbst Großmeister haben oft zu wenig Zeit, weil sie zu viel nachdenken.

Intuition gibt’s natürlich nicht nur im Schach. Ein erfahrener Designer findet z.B. schnell ein passendes Farbschema, während Anfänger nach einer Komplementärfarben googeln. 

Intuition kann man nicht per Schritt-für-Schritt Verfahren lernen. Sie ist eher eine “Nebenwirkung” bewusster Lernprozesse. Allerdings ist es ein gutes Zeichen, wenn du merkst, dass du ein Bauchgefühl für dein Lernprojekt entwickelst 

Das letzte Lernprinzip stellt die rigiden Konzepte und Strukturen komplett auf den Kopf:

Lernprinzip 9: Experimentiere

Revolutionäre Ideen kommen selten von Alteingesessenen. Genauso kommen wirkliche Durchbrüche (ob im Schach oder jeder anderen Fähigkeit) oft aus unerwarteten Richtungen. 

Im Ultralearning-Buch beschreibt Scott Young, dass es auch wichtig ist, mal etwas vollkommen anderes zu machen. Das bringt nicht nur neue Einsichten, sondern macht auch Spaß. Es bringt nichts, ein Ziel zu verfolgen, wenn der Weg dahin keinen Spaß macht.

Deswegen experimentiere ich auch im Schach: Manchmal spiele ich kurze 1 Minuten Spiele, probiere eine vollkommen andere Eröffnung aus oder spiele andere Schach-Varianten. 

Experimente bringen jedes Lernprojekt voran: Oft kommen die besten Einsichten aus unerwarteten Ecken. Deswegen macht es Sinn, mal ab vom Schuss zu schauen. Wenn du sonst nur Artikel schreibst, schreibe mal eine Kurzgeschichte. Wenn du hauptsächlich Menschen fotografierst, probiere mal eine Landschaft aus. 

So, das waren die 9 Lernprinzipien von Scott Young. 

Zusammenfassung: So lernst du schnell Schach (oder jede andere Fähigkeit)

In unserer Gesellschaft sind wenige Dinge wichtiger als die Fähigkeit, sich Umständen anzupassen und neue Fähigkeiten schnell zu erlernen. Wer schnell Schach, Zeichnen, Klavier oder irgendetwas anderes lernen kann, der kommt auch in seiner Karriere schneller voran. 

Laut Scott Youngs “Ultralearning” baut jeder Lernprozess auf Prinzipien auf, die sich auf jede Fähigkeit anwenden lassen. Die 9 Lernprinzipien sind: 

  1. Metalernen
  2. Fokus
  3. Direktheit
  4. Übung
  5. Abruf
  6. Feedback
  7. Abspeichern
  8. Intuition
  9. Experimente

Und jetzt geht’s für mich zurück ans Schachbrett. Denn auf 1500 kommt man nicht von selbst 😉

Update 25.3.21: Warum stagniert mein Fortschritt?

Die letzten paar Wochen lief’s nicht gut mit dem Schachprojekt:

Es lief großartig. Selbst nach dem Meilenstein 1200 gewann ich noch Punkte dazu. Doch bei 1232 ging irgendwas schief. Seitdem dümpelt meine Schnellschach-Wertung bei ca. 1150 herum.

Ich möchte damit zeigen, dass ambitioniertes Lernen kein gerader Pfad zum Ziel ist. Natürlich hätte das nächste Update hier auch kommen können, wenn ich die 1500er-Wertung erreicht habe. Aber das wäre nicht ehrlich gewesen.

Für mich stellt sich da eine Frage: Warum steigt meine Wertung nicht mehr? Diese Frage gehe ich wie ein Forscher an. Ich habe eine Theorie, entwickle ein Experiment und teste es aus.

Hier meine Theorie:

Zu niedrige Zielsetzung durch zu niedrige Erwartungen

“Self-fulfilling Prophecies” sind ein interessantes Phänomen: Wir prophezeien etwas ohne Bezug zur momentanen Realität. Dadurch ändert sich unterbewusst unser Verhalten, sodass unsere Prophezeiung wahr wird.

Das kann uns schaden: Menschen mit geringem Selbstwertgefühl gehen davon aus, dass andere sie nicht mögen. Dadurch sehen sie in Interaktionen mit anderen nur das Negative — was wieder die Ansicht verstärkt, dass andere sie nicht mögen.

Doch Self-fulfilling Prophecies können uns auch helfen. Im Grunde sind Ziele vorteilhafte Self-fulfilling Prophecies. Wir treffen eine Vorhersage und suchen dann nach Möglichkeiten, sie wahr werden zu lassen.

Wo ist das Problem mit der 1500er-Wertung als Jahresziel? Fragen wir das mal Northcote C. Parkinson:

“Arbeit lässt sich wie Gummi dehnen, um die Zeit auszufüllen, die für sie zur Verfügung steht.”

N.C. Parkinson.

Ich nehme mir ein ganzes Jahr Zeit, um auf 1500 zu kommen. Wie lange brauche ich dann? Ein ganzes Jahr! Und wenn ich Ende Februar schon an der 1250 kratze, sieht mein Unterbewusstsein den Fortschritt als weniger dringend.

Das führt dazu, dass ich mich weniger konzentriere, wodurch ich schlechter spiele, wodurch ich Wertung verliere.

Die Alternative: Ein “Stretch-Ziel”. Stretch-Ziele sind Ziele, die auf den ersten Blick unmöglich scheinen. Solche Ziele helfen Unternehmen und Personen, über sich selbst hinauszuwachsen.

Realistische Ziele verbessern bestehende Ansätze. Durch Stretch Ziele entstehen komplett neue Ansätze.

Genau das braucht mein Schachprojekt. Klar, ich kann noch 8 Monate spielen und die 350 Punkte machen—aber mir geht’s beim Ultralearning darum, das beste aus mir herauszuholen. Das Ziel ist nur ein Ansporn, um das auch zu tun.

Deswegen verfolge ich über die folgenden 4 Wochen (bis zum 25.4.21) das Ziel, bis zum Ende 2021 ein 2000er Rating zu erzielen.

Das führt zu neuen Herausforderungen—statt Abkürzungen über Apps und Kurse zu nehmen, werde ich mich mit Schach in der Tiefe beschäftigen. Wie das lief, hörst du im nächsten Update. Wenn du kein Update mehr verpassen möchtest, melde dich unten für den Newsletter an.

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