Das Ende des Wortpreises: Wie du für Know-How statt Stunden bezahlt wirst

“Was ist denn dein Wortpreis?” ploppte in den Facebook-Chat. 

Nervös tippte ich die Antwort:

“3 cent. Aber wenn dir der Text nicht gefällt, musst du auch nicht bezahlen!”

So ungefähr gewann ich meinen ersten Kunden (der mir nebenbei bemerkt immer noch 150€ schuldet..). Danach schrieb ich für ihn mehrere Artikel—und bekam dafür pro Wort drei Cent. 

Für den Elftklässler, der ich damals war, war das großartig. Doch ich hatte Blut geleckt. Mit den nächsten paar Kunden und Kundinnen traute ich mich nach oben: 4 Cent pro Wort (mit etwas weniger zittrigen Fingern getippt) und sogar 5 Cent pro Wort. 

Das wirkte damals wie riesiger Fortschritt—ich träumte schon von mehreren Kunden, die mir regelmäßig 10ct und mehr pro Wort zahlen. Doch dazu kam es nie. 

Denn mit Wortpreisen war nach ca. einem Jahr Schluss.

Wortpreise schaden meistens Texter und Kundin. Dabei scheinen Wortpreise doch maximale Transparenz zu liefern. Schließlich bezahlen Kundinnen nicht dafür, wenn ein Texter nichts produziert, weil er neben Google Docs einen LinkedIn Tab offen hat und auf dem zweiten Monitor Bundesliga schaut. Außerdem wird der Texter nicht für schnelles Schreiben bestraft (was bei Stundensätzen der Fall wäre). 

Doch Wortpreise führen zu schlechten Ergebnissen für alle Beteiligten—vom Texter über die Kunden bis hin zu den Kundinnen der Kunden.

In diesem Artikel erfährst du, wieso Wortpreise so viel Schaden anrichten—und wie Texterinnen ihre Preise auf Mehrwert basieren—nicht auf Zeit vorm Bildschirm oder Wörter im Dokument. 

Nach dem praktischen Teil über Zusammenarbeit teile ich mit dir im nerdigen Teil dieses Artikels meine Theorien dazu, wieso Wortpreise existieren und wieso Wortpreistexter meiner Meinung nach vom (wirtschaftlichen) Aussterben bedroht sind. 

Wieso Wortpreise Textern, Kundinnen und Lesern schaden

Tell me the incentives and I’ll tell you the outcomes

-Charlie Munger

Als ich pro Wort bezahlt wurde, war mir eine Metrik besonders wichtig: Wie viele Wörter kriege ich pro Stunde aufs (digitale) Papier? Das ist auch logisch. Denn je mehr Wörter ich pro Stunde schrieb, desto mehr Geld verdiente ich effektiv pro Stunde. 

So erzeugen Wortpreise Anreize, die dem Endergebnis schaden: 

  • Wer pro Wort bezahlt wird, wird für Recherche nicht bezahlt. Das führt dazu, dass man Recherche schnellstmöglich beendet (wodurch man u.U. wichtige Infos verpasst).
  • Schnell geschriebene Texte sind oft schlechte Texte. Auch nach Revisionsrunden.

(Wichtig: Problem Nr.1 ist vor allem bei Anfängern verbreitet. Erfahrene Wortpreisler kalkulieren den Aufwand für Recherche oft in ihre Wortpreise ein.)

Aber der Anreiz zur Geschwindigkeit ist nicht der einzige falsche Anreiz bei Wortpreisen: 

Wortpreise führen zu längeren Texten

Kennst du diese ewig langen, inhaltslosen Ratgeber-Artikel? 4000 Wörter über ein Thema, wovon 200 nützlich sind. Statt eine Frage zu beantworten (“Wie bindet man eine Krawatte?”) faselt der Artikel ellenlang über belanglose Hintergrundinfos (Seit wann gibt es Krawatten? Die Krawatte entstand im 18. Jahrhundert unter Seeleuten, die… GÄHN). 

Solche Texte entstehen, wenn die Texterin pro Wort bezahlt wird. Jedes extra Wort bringt mehr Geld. Natürlich sind Wortpreisler keine gierigen Menschen, die ihr eigenes Einkommen über ihre Kunden stellen. Aber Anreize wie Pro-Wort Bezahlung trüben unsere Sicht und führen zu unbewussten Entscheidungen. 

Denn wenn jedes Wort den Preis des Textes anhebt, dann basiert die Preisgestaltung auf einer Annahme: 

Mehr Text = Mehr Wert

Diese Annahme ist aber falsch. Denn Texte sind nicht wie gemischtes Hack an der Fleischertheke, wo 254 Gramm mehr kosten als 239 Gramm. Gute Werbetexte sind wie Steaks im Restaurant — die Gesamterfahrung zählt deutlich mehr als das genaue Gewicht der Portion.

So schaden Wortpreise auch den Kundinnen der Wortpreisler. Denn Besucher kommen auf eine Website, um etwas zu finden—nicht um etwas zu suchen. Zu lange Werbetexte überfordern Leser, wodurch weniger Besucher lesen, klicken und kaufen. Dadurch verliert der Kunde potentiellen Umsatz—und die Endverbraucherin ist verärgert von einem Produkt, das ihr Leben verbessert hätte (hätte die Kommunikation mal gestimmt).

Was für Texte insgesamt gilt, gilt auch für einzelne Teile des Texts: 

Wortpreise machen Texte kompliziert.

Gute Texte sind simpel. Sie sind einfach zu verstehen und enthalten keine überflüssigen Wörter. Dadurch verstehen Leser den Text besser und bleiben dabei.

Wortpreise bewirken das Gegenteil. Hier ein Beispiel:

✅Leser verstehen simple, kurze Texte am besten. 

❌ Simple Texte, die auch kurz sind, können das Verständnis der Leser um Längen steigern, wenn alle Regeln guten Schreibens befolgt wurden, die unter anderem Einfachheit und Kürze beinhalten.

Die Botschaft ist gleich. Doch Satz 1 ist klipp und klar, Satz 2 verwirrend und langweilig.

Doch Wortpreisler haben den Anreiz, Satz 2 zu schreiben. Denn Satz zwei enthält ca. 4,5 mal so viele Wörter. Wenn jeder Satz in einem Text viermal (oder auch nur doppelt) so lang ist wie die einfachere Alternative, dann bekommt der Texter mehr Geld. Kunde und Leserin verlieren aber, weil ein unleserlicher Text nicht unterhält, informiert oder überzeugt. 

An diesem Beispiel sehen wir: Mehr Text kann nicht nur dazu führen, dass der Text nicht mehr besser wird, sondern die Qualität sogar verschlechtern.

Über die letzten zwei Beispiele hast du gesehen, wie Wortpreise dazu führen, dass Texter unbewusst schlechtere Texte schreiben. Aber warum ist das schlecht für Texter, die doch mehr bezahlt werden? 

Gute Texte sind effektiv. Heißt: Sie erzeugen einen Effekt für den Kunden. Manchmal sind das Bestellungen, manchmal Google Rankings, manchmal Markenbekanntheit.

Verwirrende, ellenlange Texte sind ineffektiv. Sobald die Kundin keine Ergebnisse sieht, kündigt sie. So kann man als Texter kurzfristig Kunden gewinnen, verliert sie aber mittel- bis langfristig wieder. So baut man sich keine nachhaltig erfolgreiche Selbstständigkeit auf. 

Wortpreise belohnen schlechte Ideen

Wenn du schon mal einen Artikel geschrieben hast, ist in den Top 5 der meistbenutzten Tasten wahrscheinlich das Backspace. 

Aber gut—was ist die Alternative zu Wortpreisen? 

Mehr Ertrag (& mehr Risiko) als Texter durch Projektpreise

Festpreise sind nichts Neues. Statt x Cent pro Wort zu nehmen, veranschlagt man als Texterin bspw. 100€ pro Email Newsletter. 

Das Konzept ist simpel. Allerdings verstehen viele es falsch. Einige Schreiber hören nämlich: “Können wir dazu einen Festpreis machen?” und kalkulieren die ungefähre Anzahl Wörter, multiplizieren das mit ihrem Wortpreis und berechnen so den Festpreis. 

So entsteht zwar ein Festpreis—allerdings denkt die Texterin in diesem Fall über ihre Erzeugnisse immer noch wie über gemischtes Hack an der Fleischtheke, nicht wie über ein Steak-Menü im Restaurant. 

Gute Projektpreise erlauben es dir, in kürzester Zeit Aufträge zu erledigen und dafür überdurchschnittlich bezahlt zu werden. Allerdings nimmst du auch ein weiteres Risiko auf: Wenn extra Arbeit anfällt, geht das auf deine Kosten. 

Dass du selbst entscheiden darfst, wie lang ein Text wird, heißt auch, dass du selbst entscheiden musst. Anstatt nur dein eigenes Ziel im Kopf zu haben, musst du die geschäftlichen Ziele des Kunden (und die individuellen Ziele jedes Textes) kennen. Basierend auf diesen Infos richtest du dann deine Arbeit auf.

Deswegen sind Projektpreise ein großartiges Mittel, um dich und dein Unternehmen weiterzuentwickeln: Sie zwingen dich zu effizienter Planung, Verantwortung und Effektivität. 

Wenn Texter mit Projektpreisen anfangen, stellen sie sich oft eine Frage: “Und wie viel nimmt man da so?”

Projektbasierte Preisgestaltung für Texter: So geht’s

Kundinnen haben meistens einen finanziellen Anreiz, um sich Texte schreiben zu lassen. Ob SEO-Content, Newsletter-Texte oder Social Media Posts: Wer dich fürs Schreiben bezahlt, möchte dadurch direkt oder indirekt mehr Geld verdienen. 

Den potenziellen finanziellen Effekt deiner Texte kannst du herausfinden. Eine Möglichkeit ist eine direkte Frage: “Was würde das für dein Unternehmen bedeuten?”

Eine andere Möglichkeit ist eine ungefähre Berechnung basierend auf den Preisen des Kunden, Besucherzahlen usw. Wenn du dann einen kleinen Anteil des potenziellen Wertes veranschlagst, nimmt der Kunde deinen Preisvorschlag wahrscheinlich gerne an. 

Und schon ist es egal, wie lange du tatsächlich vorm Computer sitzt oder ob der Wortzähler 250 oder 1000 Wörter anzeigt. Die Bezahlung bleibt gleich. Als projektbasierte Freelancerin lieferst du Kunden bessere Ergebnisse und wirst für die gleiche Arbeit besser bezahlt.

Nerd-Talk: Wieso Wortpreisler (wirtschaftlich) aussterben werden

Die Text-Welt beschäftigt sich schon länger mit der Frage: “Wie wird künstliche Intelligenz unser Geschäft beeinflussen?”

Lange musste man sich keine Gedanken machen. Denn Text-KIs spuckten nur unleserlichen Gebrabbel aus. Doch das änderte sich, als GPT-3 auftauchte. 

Diese KI schreibt sehr gute Texte über allgemeine Themen. Wenn wir uns anschauen, wie andere Branchen automatisiert wurden, sehen wir ein klares Muster: 

  1. Erste Versuche funktionieren nicht recht, Ergebnisse sind höchstens als wissenschaftliche Fortschritte brauchbar.
  2. Technologien werden besser, unterstützen Menschen bei ihrer Arbeit (im Text-Bereich bspw. Grammarly)
  3. Technologien erzeugen Ergebnisse, die gleich gut wie die von Menschen sind.
  4. Zugang zu Automatisierungs-Technologien wird günstiger und einfacher.
  5. Konkurrenz im KI-Bereich treibt Kosten nach unten. Menschen können nicht mehr konkurrieren.
  6. Menschliche Arbeit differenziert sich durch andere Vorteile.

Meiner Meinung nach befinden wir uns momentan in Phase 3, wenn’s um reine Texterstellung geht. Auch Phase 4 beginnt schon (http://copy.ai).

Texterstellung wird meiner Meinung nach in den nächsten paar Jahren eine grundlegende Veränderung durchlaufen. Das heißt nicht, dass Texterinnen überflüssig werden. Aber Wortpreisler, die nur Worte in einem Dokument liefern, werden mit Algorithmen konkurrieren, die weder Schlaf noch Sozialversicherung brauchen. 

Wer hingegen weiß, wie man die Ziele seiner Kundinnen in Textaufgaben umwandelt, freut sich über die Unterstützung von Algorithmen. Denn was KIs (noch) nicht können, ist der echte Mehrwert von projektbasierter Zusammenarbeit: Sich gemeinsam ein Ziel setzen, Pläne dafür entwickeln und diese umsetzen. Ich zumindest freue mich darauf, wenn mich eine Text-KI bei der Kundenarbeit unterstützt.

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